Ausstellungen
Luigi Toscano im Interview
Delta im Quadrat: Mit Ihrer neuen Werkgruppe „Kanakenkinder“ zeigen Sie großformatige Portraits von Menschen mit migrantischen Perspektiven. Was hat Sie zu diesem Thema inspiriert und welche Botschaften möchten Sie mit den Bildern vermitteln?
Luigi Toscano: Ich habe in den letzten anderthalb Jahren neben vielen Ausstellungen an meinem Buch „Kanakenkind“ gearbeitet. Entstanden ist ein autobiografischer Tatsachenroman. Dabei geht es um meine eigene Geschichte aber auch um die vielen Dinge die ich im Laufe der Zeit um mein Projekts „Gegen das Vergessen“ erleben durfte. Diese Arbeit und dieses Zurückblicken hat mich dann wieder zu meinem eigentlichen künstlerischen Ausdrucksform gebracht: der Fotografie. Es gibt ja eine Menge Personen wie mich, die verschiedene Geschichten in sich vereinigen und internationalen Biografien haben. Diese Vielfältigkeit ist ja tagtäglich unter uns. Ich habe angefangen mein Umfeld abzubilden. Die Botschaft wäre also: Vielfalt ist da und hat Geschichte(n). Und gleichzeitig sieht man aktuell, wie das Thema „Migration“ auf Kosten von Menschen ausgetragen wird.
DiQ: Im Rahmen der Ausstellung wird auch aus Ihrem Buch „Kanakenkind“ gelesen und Sie erzählen persönliche Geschichten. Wie wichtig ist Ihnen der autobiografische Ansatz als Teil Ihrer künstlerischen Arbeit und wie beeinflusst das Ihre Sicht auf Kunst und Gesellschaft?
LT: Lange war mir der autobiografische Ansatz in meiner Kunst nicht wichtig. Mit der Zeit und der gesellschaftlichen Veränderung habe ich gemerkt, dass ich einen Teil beitragen will, um diese Gesellschaft zu gestalten. Daraus ist mein Projekt „Gegen das Vergessen“ entstanden – erst im öffentlichen Raum und weltweit und dann weiter als Bildungsprojekt an Schulen. Es geht mir darum, dass junge Menschen verstehen, dass sie etwas tun können, um dieses „nie wieder ist jetzt!“ Wirklichkeit werden zu lassen. Mittlerweile ist Kunst ein Teil meiner Biografie – das war nicht immer so.
DiQ: Sie sind ja international bekannt für „Gegen das Vergessen“, bei dem Sie Holocaust-Überlebende porträtiert haben. Inwiefern sehen Sie Verbindungen zwischen diesem langfristigen Erinnerungsprojekt und der neuen Ausstellung im PORT25?
LT: „Gegen das Vergessen“ ist für mich ein Weg, mich mit Deutschland auseinanderzusetzen und vielleicht mich auch damit zu identifizieren. Mit der aktuellen Ausstellung sollte man das nicht vergleichen. „Kanakenkind“ bleibt individuell und ist meine Perspektive auf die Gesellschaft. Vielleicht ist es auch sowas wie ein Friedensangebot…
DiQ: Viele Ihrer Arbeiten setzen sich mit Identität, Geschichte und Erinnerung auseinander. Welche Rolle spielt für Sie als Künstler die Auseinandersetzung mit (kollektiver) Geschichte und individueller Biografie im zeitgenössischen Kontext?
LT: Ich bin da insgesamt nicht so verkopft. Ich fotografiere, weil ich abbilden will und weil ich Dinge sichtbar machen möchte. Relevanz entsteht im Augenblick oder eben nicht. Ich bin der Fotograf und Mensch und kein Politologe.
DiQ: Die Ausstellung „Kanakenkinder“ findet in einem öffentlich zugänglichen Raum wie dem PORT25 statt. Wie wichtig ist es für Sie, Kunst so zu präsentieren, dass unterschiedliche Besuchergruppen direkt angesprochen und ein persönlicher Dialog angeregt wird?
LT: Meine Ausstellung „Gegen das Vergessen“ ist für öffentliche Orte konzipiert. Mit „Kanakenkinder“ bin ich nun in einem indoor-Ausstellungsort. Das hatte ich lange nicht mehr und ich bin gespannt, wie sich diese Zugänglichkeit auswirken wird. Ich bin ja tendenziell nicht in einer bestimmten Kunst-Bubble unterwegs, sondern auf der Straße. Das liegt mir und gleichzeitig freue ich mich, mein Projekt jetzt im Jungbusch in einem tollen Kunstraum zeigen zu dürfen.