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Quarantäne-Tagebuch im „Franz & Lissy“ Ludwigshafen

Unterwegs in Zeiten von Corona: Die beiden russischen Kreativen Olga Egorova und Oleg Korchagin (Foto) reisten nach Israel, und dort begaben sie sich erst einmal in strikte Quarantäne. Jeden Tag wurde ihnen frisches Essen in Papiertüten geliefert – und diese Tüten sollten zum Grundmaterial für ein künstlerisches Projekt werden: Das „Quarantäne-Tagebuch“ hält in Bild, Wort, Fotos und Video fest, was Oleg und Olga in diesen speziellen Wochen bewegte. Nun kommt es nach Ludwigshafen: Im Rahmen des deutsch-russischen Kulturaustausch-Projektes „QUATTROLOGE“ ist das Quarantäne-Tagebuch, das 2021 im Quarantäne-Hotel in Tel Aviv entstand, seit Mitte April in einer Ausstellung bei Franz & Lissy zu sehen.

Delta im Quadrat: Zuallererst – was ist eigentlich das Projekt QUATTROLOGE, das der Ausstellung gewissermaßen den Rahmen gibt? Und was bedeutet sein Name?

Eleonore Hefner: QUATTROLOGE heißt ein deutsch-russischer Kulturaustausch, bei dem seit 1995 über 100 KünstlerInnen aus Sochi an der russischen Schwarzmeerküste und der Region Rhein-Neckar gemeinsam viele einzelne Projekten realisieren: Konzerte, Theaterprojekte, literarische Performances, Kunstausstellungen und mehr. Der Name QUATTROLOGE bezieht sich auf das schwarze Quadrat, das berühmte Motiv von Kasimir Malewitsch, eine der Ikonen der Malerei des 20. Jahrhunderts – und auf eine Vielzahl von Dia-logen, die wir führen.

DiQ: Hallo und privjet Olga und Oleg! Stellt euch doch einmal kurz vor. Was macht ihr, wie seid ihr zu dem QUATTROLOGE-Projekt gekommen und wie hat es euch beeinflusst?

Olga: Hallo! Ich bin Künstlerin aus Sochi. Bei QUATTROLOGE beteilige ich mich seit 2013. Dieses Projekt ist zu einem großen Teil meines Lebens geworden: Tolle Freunde, Künstler, Menschen, Ausstellungen, Konzerte und so weiter…

Oleg: Hallo! Ich bin auch ein Künstler aus Sochi. Ich bin bei QUATTROLOGE seit dem Anfang dabei, also seit 1995. QUATTROLOGE ist für mich nicht nur ein Festival der verschiedenartigen Künste, sondern es bedeutet auch: freundschaftliche Begegnungen, die seit Jahren dauern, die Entdeckung neuer KünstlerInnen, gemeinsame künstlerische Projekte und, was mir auch sehr wichtig ist: das Kennenlernen der deutschen Kultur.

DiQ: Jetzt seid ihr gerade in Israel – das Reisen ist ja im Moment eher schwierig, aber ihr habt euch trotzdem auf den Weg gemacht. Wie lief das?

Oleg: Ja klar, es ist gerade nicht die beste Zeit für Reisen. Aber diese Reise ist sehr wichtig für uns. Die Überquerung der Grenzen verlief leichter, als wir dachten. Und wir hoffen, dass wir viele Eindrücke vom Land mit seiner so interessanten Geschichte und Geographie bekommen.

DiQ: Wie muss man sich eine Quarantäne wie eure bei der Einreise vorstellen?

Olga & Oleg: So etwas hatten wir noch nicht erlebt, wir waren noch nie in so einer Situation gewesen. Obwohl wir es gewohnt sind, in einem beschränkten Raum zu arbeiten und auch zu Hause in Sochi nur ein nicht allzu großes Atelier zu haben, haben wir die Unmöglichkeit, den Raum des Hotelzimmers während zehn Tagen zu verlassen, als sehr bedrückend erlebt. Daneben war es aber auch auf eine ganz eigene Art interessant und inspirierend. Wir zeichneten, tanzten, drehten Videos, machten Fotos, schrieben Gedichte, machten Aerobic, lasen Bücher, waren in Verbindung mit unseren Freunden per Internet und atmeten frische Luft auf unserem winzigen Balkon mit Blick auf die Skyline von Tel Aviv.

DiQ: Sind das nicht sehr öde Tage? Oleg, bist du aus Langeweile auf die Idee des Tütenbemalens gekommen oder hattest du solche Bilder schon länger im Kopf und jetzt endlich eine Gelegenheit, sie umzusetzen?

Olga & Oleg: Nein, das waren überhaupt keine öden Tage. Wir hatten sogar nicht genügend Zeit für alles, was wir machen wollten. Wir haben zum Beispiel keinen einzigen Film angesehen, obwohl wir geplant hatten, auf diese Art und Weise unseren Aufenthalt im Hotel zu verschönern. Ehrlich gesagt hatte ich zunächst die Idee, eine grafische Serie zu schaffen, die meine eigenen Gedichte illustrieren sollte. Aber als ich diese tollen Papiertüten sah, in denen man uns im Hotel das Essen brachte, wollte ich sie sofort fürs Zeichnen verwenden. Die Ideen für die Zeichnungen und die dazu passenden Zweizeiler flogen mir nur so zu, ich begann zu zeichnen, was wir erlebten.

DiQ: Wieviele „Seiten“ hat das Tagebuch?

Olga & Oleg: Es gibt insgesamt 22 „Seiten“. Manche „Seiten“ sind ein Paar, also zwei Zeichnungen zu einem gemeinsamen Thema.

DiQ: Die Illustrationen erinnern ein wenig an den sogenannten Lubok, den russischen Bilderbogen. Mit Absicht?

Olga & Oleg: 1999 illustrierten Ulrich Thul und ich im Rahmen von QUATTROLOGE die Gedichte von Ossip Mandelstam. Das war eine sehr interessante Erfahrung für mich. Schon damals zeichnete ich einen Teil meiner Bilder in der Tradition des Lubok. Mich fasziniert am Lubok vor allem die Verbindung von Bild und Text in einer besonderen Naivität, ja Primitivität. Diesmal war es mir am Anfang gar nicht bewusst, aber klar, die Verwandtschaft und Nähe zum Lubok ist ersichtlich.

DiQ: Das Quarantäne-Tagebuch zeigt die Zeichnungen von Oleg Korchagin – ist aber auch ein Projekt von euch beiden als Künstlerpaar. Wie habt ihr hier zusammengearbeitet?

Oleg: Es ist vor allem unser gemeinsames Projekt, weil es alles enthält, was wir zusammen während dieser zehn Tage erlebt haben. Wir besprachen die Themen der Gedichte und Zeichnungen, für manche Bilder stand Olga Modell. Sie machte noch viele Fotos und ein paar Videos und schnitt die Seitenteile der Papiertüten für die Zeichnungen mit Vergnügen aus.

DiQ: Wie kam das Tagebuch jetzt nach Ludwigshafen? Per Post? Im Koffer? Übers Internet?

Olga & Oleg: Per Post! Und auch übers Internet: in Form von Fotos und Videos. Und wir hoffen, dass wir zur Finissage Ende Juni auch selbst kommen können!

DiQ: Am Rande: Kennt ihr eigentlich den Künstler Thitz? Der ist auch berühmt für seine „Tütenkunst“…

Oleg: Ja, ich habe seine Werke im Internet gesehen. Uns verbindet in diesem Fall das Material. Aber im Thema und Stilistik sind wir überhaupt nicht ähnlich.

Olga: Ich denke, dass es nicht so wichtig ist, worauf der Künstler malt, sondern was er malt. Wichtig ist der Kontext. Und in unserem Fall besteht eine direkte Verbindung zwischen dem Material und der Situation, in der wir uns befanden.

DiQ: Oleg & und Olga, danke für euren Bericht! Habt eine gute Zeit in Israel – und hoffentlich im Sommer auch in Deutschland!

 

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