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Bühne

Das Kurpfälzische Kammerorchester

75 Jahre Kurpfälzisches Kammerorchester, über 270 Jahre Mannheimer Musikgeschichte und die ständige Herausforderung, klassische Musik für neue Generationen relevant zu halten: Das Kurpfälzische Kammerorchester steht wie kaum ein anderes Ensemble in der Region für die Verbindung von Tradition und Gegenwart. Seit 2018 lenkt Gabriele Gefäller als Geschäftsführerin die Geschicke des Orchesters. Im Gespräch mit „Delta im Quadrat“ spricht sie über die gesellschaftliche Bedeutung von Musik, die Zukunft klassischer Konzerte und die Höhepunkte der Jubiläumsspielzeit zum 75-jährigen Bestehen des KKO.

Delta im Quadrat, Tim Fischer: Sie stehen als Geschäftsführerin an der Spitze eines Orchesters mit großer Tradition in der Nachfolge der Mannheimer Hofkapelle. Was hat Sie persönlich auf diesen Weg geführt und was bedeutet Ihnen diese Aufgabe jenseits der organisatorischen Verantwortung?

Gabriele Gefäller: Ich kann mir ein Leben ohne Musik nicht vorstellen. Musik gehört für mich zu den schönsten und bedeutendsten Ausdrucksformen des Menschen, weil sie in ihrer Vielfalt das gesamte Leben widerspiegelt – mit all seinen Emotionen, Widersprüchen und Entwicklungsmöglichkeiten. Musik fördert Selbstreflexion, Toleranz und die Bereitschaft, sich immer wieder auf Neues einzulassen. Gerade darin liegt für mich ihre große gesellschaftliche Bedeutung. Deshalb war für mich schon früh klar, dass ich einen beruflichen Weg einschlagen möchte, der es mir ermöglicht, die Kraft der Musik auch mit anderen Menschen zu teilen. Diese Überzeugung hat mich zum Studium der Musikwissenschaft geführt und anschließend zu meinen Stationen als Dramaturgin am Staatstheater Karlsruhe und am Theater Kiel. Dass mein Weg schließlich zum Kurpfälzischen Kammerorchester geführt hat, empfinde ich als großes Glück. Dem Orchester bin ich seit 2008 verbunden, seit 2018 als Geschäftsführerin. Die Arbeit für ein Ensemble mit einer so langen Tradition ist für mich etwas Besonderes. Sie verbindet die Verantwortung, ein bedeutendes kulturelles Erbe zu bewahren, mit der Aufgabe, dieses Erbe lebendig in die Zukunft zu führen.

DiQ: Das Kurpfälzische Kammerorchester versteht sich als Bewahrer der Mannheimer Schule, ist aber gleichzeitig ein hochflexibler Klangkörper im heutigen Kulturbetrieb. Wie gelingt Ihnen der Spagat zwischen historischer Identität und moderner Konzertrealität?

GG: Seit unserer Gründung im Jahr 1952 verstehen wir uns als Botschafter der Mannheimer Schule und der Musik des 18. Jahrhunderts. Diese historische Identität ist fest in unserer DNA verankert. Gleichzeitig haben wir uns immer wieder die Frage gestellt, wie wir diesem Erbe gerecht werden können. Dabei standen wir vor einer grundlegenden Entscheidung: Wollen wir als Spezialensemble auf historischen Instrumenten ausschließlich ein bestimmtes Repertoire pflegen oder möchten wir die historische Aufführungspraxis mit den Möglichkeiten eines modernen Kammerorchesters verbinden? Wir haben uns bewusst für den zweiten Weg entschieden. Das Spielen auf modernen Instrumenten eröffnet uns eine deutlich größere stilistische und programmatische Bandbreite. Gleichzeitig bedeutet das keineswegs einen Verzicht auf historische Authentizität. Im Gegenteil: Unsere intensive Beschäftigung mit Quellen, Stilistik und Aufführungspraxis der Mannheimer Schule und des 18. Jahrhunderts prägt unser Musizieren bis heute. Der Spagat gelingt uns, indem wir Tradition nicht als Museum verstehen, sondern als lebendige Inspirationsquelle.

DiQ: Klassische Musik steht heute in starkem Wettbewerb mit digitalen Kulturformen. Welche Rolle kann ein Kammerorchester wie das KKO in dieser veränderten gesellschaftlichen Wahrnehmung noch einnehmen?

GG: In der Tat leben wir in einer Zeit, in der auch Kultur zunehmend digital, schnell konsumierbar und von kurzen Aufmerksamkeitsspannen geprägt ist. Das stellt uns vor neue Herausforderungen, kann aber auch als Chance betrachtet werden, neu an Bedeutung zu gewinnen. Denn gerade wir als Kammerorchester – einem kleinen und sehr nahbar agierenden Ensemble – können etwas bieten, das immer mehr verloren geht, gleichzeitig aber auch immer mehr gesucht wird: die Geborgenheit im gemeinsamen Erleben von besonderen Momenten. Unsere Konzerte zeichnen sich durch einen persönlichen Rahmen aus, der Raum für unmittelbare, authentische und gemeinschaftliche Begegnungen schafft. Durch die Nähe zwischen Musikerinnen, Musikern und Publikum entsteht eine sehr persönliche Atmosphäre, die große Konzerthäuser oder digitale Formate oft nicht bieten können. Ein Live-Konzert schafft Aufmerksamkeit, Emotion und Gemeinschaft auf eine Weise, die digitale Angebote nur bedingt ersetzen können. Die Aufgabe für uns als Kammerorchester sehe ich daher nicht darin, mit schnellen Medien zu konkurrieren, sondern etwas anzubieten, das diese eben gerade nicht leisten können: echte Begegnung, künstlerische Tiefe und gemeinsame kulturelle Erfahrungen.

DiQ: Das KKO spielt nicht nur in klassischen Konzertreihen, sondern auch in Formaten für unterschiedliche Zielgruppen und Generationen. Wie verändert sich Ihr Blick auf Publikum und was muss sich in der Vermittlung klassischer Musik künftig noch stärker entwickeln?

GG: Meines Erachtens liegt für uns Kulturschaffende der erste und entscheidende Schritt darin, sich einzugestehen, dass es das Publikum von früher nicht mehr gibt und wir uns in unseren Angeboten anpassen müssen. Das bedeutet auch, jahrzehntelang gegangene Pfade zu verlassen. Wir im KKO haben diesen Prozess bereits vor mehr als zehn Jahren begonnen und folgen seither in unserem künstlerischen Angebot einer Zwei-Säulen-Strategie: Die erste Säule bedient die klassischen, traditionellen Konzertangebote für ein bereits Klassik-vertrautes Publikum, wie wir es z.B. in unserer Abonnement-Reihe der „Mannheimer Schlosskonzerte“ vorfinden; die zweite Säule ist geprägt durch unkonventionelle Konzertformate für ein Publikum, das sich erst an uns herantastet und das wir dort abzuholen versuchen, wo es steht – hier sei als Beispiel unsere Reihe „Traumkonzerte im Schloss“ genannt. Klassische Musik sollte nicht als exklusiver Kulturraum wahrgenommen werden, sondern als offenes Angebot für alle, die neugierig sind. Dazu gehören auch neue Orte und kreative Kooperationen.

DiQ: Wenn Sie auf die kommende Spielzeit blicken: Welche künstlerischen oder thematischen Akzente möchten Sie mit dem KKO setzen und worauf dürfen sich Publikum und Region besonders freuen?

GG: Die kommende Spielzeit ist für uns eine ganz besondere: Wir feiern 75 Jahre KKO! Aus diesem Anlass haben wir ein abwechslungsreiches Programm zusammengestellt, das mit international renommierten Solistinnen und Solisten die gesamte Bandbreite unseres hohen spielerischen Niveaus abbilden soll. Von Johann Sebastian Bach über Franz Ignaz Holzbauer und Wolfgang Amadeus Mozart bis hin zu Giuseppe Verdi und Peteris Vasks spannt sich der Bogen dementsprechend vom Barock bis zur Moderne. Ein Höhepunkt ist sicherlich die konzertante Aufführung von Franz Ignaz Becks einaktiger Opéra comique „L’isle déserte“. Natürlich darf auch Ludwig van Beethoven im Programm nicht fehlen: Mit seinem Klavierkonzert Nr. 1 C-Dur eröffnen wir im September feierlich die Reihe der Mannheimer Schlosskonzerte. Einen Blick in die zeitgenössische Musik bietet das 5. Mannheimer Schlosskonzert mit dem Violinkonzert „Im Abendlicht“ von Peteris Vasks, ein Konzert, auf das ich mich persönlich besonders freue!

 


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