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Bühne

Schwetzingen: Das „theater am puls“ 

Einer Stadt ohne Theater fehlt etwas Entscheidendes zum Stadtsein – ohne Kultur fehlt die Substanz. Auf Schwetzingen trifft dies zum Glück nicht zu, denn dort wird im „theater am puls“ engagiert und mit Erfolg die Fahne des Schauspiels hochgehalten. Wir sprachen mit dem Intendanten Joerg Mohr über Geschichte, Gegenwart und Zukunftsträume, über Nachwuchs-Schauspieler und die aktuellen Premieren. 

Delta im Quadrat, Beate Schittenhelm: Herr Mohr, stellen Sie uns Ihr Theater doch erst einmal kurz vor!

Joerg Mohr: Das „theater am puls“ liegt in Schwetzingen. Es ist ein Privattheater, das getragen wird durch die Stadt Schwetzingen, das Land und den Freundeskreis des Theaters. Das Theater der Stadt Schwetzingen hat einen ganzjährigen Spielbetrieb mit einem umfangreichen Spielplan, der Schauspiel, Musiktheater, Kinder- & Jugendtheater, Lesungen und weitere Extras beinhaltet. In der Kulturstadt Schwetzingen ist das Theater mittlerweile eine feste Institution. Mit ca. 90 Vorstellungen im Jahr bietet es durch den Repertoirebetrieb eine breite Abwechslung. Im Bereich Schauspiel stehen sowohl bekannte Klassiker und unterhaltsame Komödien als auch moderne Stücke auf dem Spielplan. Auch Uraufführungen bereichern das Repertoire.

DiQ: Die Anfänge liegen inzwischen 14 Jahre zurück, man steckt also gewissermaßen mitten in den Teenie-Jahren, hat schon einiges an Erfahrung gesammelt und – hoffentlich! – noch eine lange Zukunft vor sich. Was sind Ihre Gedanken, wenn Sie auf die Gründungszeit zurückblicken? Und wie stellen Sie sich Ihre Wunschzukunft vor, zum Beispiel im Jahr 2022, wenn das Theater „volljährig” wird?

JM: Was ungebremst ist, ist unsere Freude, Geschichten zu erzählen. Das war vor 14 Jahren nicht anders als jetzt auch und natürlich wünsche ich uns, dass die Freude am Theater auch im Jahr 2022 noch dieselbe ist. Neben den vielen positiven Seiten, dieses Theater führen zu dürfen, gibt es natürlich, wie an allen Häusern, immer wieder den Kampf ums „liebe Geld“. Wir haben das Glück, dass unsere Besucher nicht nur aus Schwetzingen kommen. Unsere Zuschauer kommen von hinter Karlsruhe bis Frankfurt. Viele Vorstellungen sind meist gut besucht bis ausverkauft. Mit unseren Eintrittspreisen von 10 bis 18 Euro versuchen wir, Theater für alle erfahrbar zu machen. Natürlich ist alles eng kalkuliert und sicherlich wäre es ein Wunsch, dass unser Theater mehr finanzielle Mittel 2022 zur Verfügung hätte als es heute der Fall ist. Ein weiterer Wunsch wäre, dass sich in den nächsten Jahren der Bekanntheitsgrad erweitert. Kaum jemand in Heidelberg, Mannheim oder Ludwigshafen weiß, dass es unser entzückendes Theater in Schwetzingen gibt. Viele, die uns einmal besucht haben, kommen immer wieder. Und so würde ich mir natürlich wünschen, dass man im Rhein-Neckar-Kreis weiß, dass in Schwetzingen gutes Theater zu finden ist.

DiQ: Diesem Ziel kommen wir mit dem Interview vielleicht ja ein Stück näher... doch auf zur nächsten Frage: Woher rekrutieren Sie denn Ihre Schauspieler? 

JM: Die Schauspieler auf der Bühne kommen für unsere Produktionen meist aus allen Bundesländern. Für „Hexenjagd“ zum Beispiel kommt unsere Frau Proctor (Jennifer Karen) aus Paris, Laura aus „Laura und Lotte“ (Ria Schindler, bekannt aus der Lindenstraße) aus Berlin. Ich würde sagen, die Hälfte unserer Darsteller sind aus der Region, die andere Hälfte verteilt sich auf Deutschland. Wir haben kein festes Ensemble, sondern casten für jede Produktion neu. Natürlich arbeiten wir auch gerne immer wieder mit dem ein oder anderen Darsteller zusammen. Damit verbunden kommt auch immer wieder frischer Wind in unsere Produktionen. Ich denke, die Kombination aus bekannten und unbekannten Gesichtern macht unser Theater auch so interessant.

DiQ: Und wie sieht es mit dem Theater-Nachwuchs aus? Gerade bei den Familienstücken wie aktuell „Die Brüder Löwenherz“ sind ja oft sehr anspruchsvolle Rollen mit jungen Schauspielern zu besetzen.

JM: Da haben Sie recht. Die meisten Stücke inszeniere ich ja selbst. Ich tue mich sehr schwer, wenn Kinder von Erwachsenen gespielt werden. Das mag in dem ein oder anderen Fall funktionieren, aber ehrlich gesagt hat es mich noch nie überzeugt. Und was liegt näher, als Kinderrollen auch mit Kindern zu besetzen?! Natürlich muss man, was das „Handwerkszeug“ betrifft, einige wenige Abstriche machen, aber letztendlich ist ein Kind auf der Bühne ein besseres Kind als der Erwachsene, der nur so tut als ob. Und glauben Sie mir, es gibt jede Menge talentierte Kinder und Jugendliche, die empathischer und begabter sind als so manch ausgebildeter Schauspieler. Von daher empfinde ich es auch als meine Pflicht, den Nachwuchs zu fördern. Viele, mit denen ich bereits in den letzten 20 Jahren zusammengearbeitet habe, haben diese Chance genutzt. Talente zu entdecken und zu fördern ist in unserer schnelllebigen Welt sehr wichtig. Viele dieser Kinder haben durch die Zusammenarbeit mit uns auch ihre Entscheidung, eine Schauspiel- bzw. Musicalausbildung zu absolvieren, getroffen.

DiQ: Zwei Premieren stehen in der laufenden Spielzeit noch an – „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“ im Februar und „Nabelschnüre“ im April. Können Sie uns hierzu etwas erzählen? 

JM: Unsere Spielzeit besteht in der Regel aus 4-5 Premieren im Jahr. Im Oktober unsere Eröffnungsproduktion, im letzten Jahr war es der „Volksfeind“. Dann im November unsere Produktion für die ganze Familie, zurzeit „Die Brüder Löwenherz“. Danach kommt im Februar ein Stück, das variabel ist. Mal ist es ein Musical, mal etwas Modernes oder Spezielles. In diesem Jahr freue ich mich besonders auf „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“. Ich denke, das poetische Buch von Eric-Emmanuel Schmitt hat es verdient, erzählt zu werden. „Das ist ein unendlich zartes, schönes, liebevolles Buch“, schrieb Elke Heidenreich über den Roman. Es steckt so viel Wahrheit in dieser außergewöhnlichen Geschichte über die Freundschaft eines verschmitzten Weisen, der viele Geheimnisse zu kennen scheint (auch die des Glückes und des Lächelns), und Momo, wie Monsieur Ibrahim den 13-jährigen Moses liebevoll nennt. Schließlich kommt gegen Ende der Spielzeit immer noch die Premiere einer Komödie. So war es im letzten Jahr „Laura und Lotte“ oder 2015 „Die Wunderübung“ (die immer noch zu sehen ist). In diesem April sind es sechs kurze Stücke, die der Senkrechtstarter Michael McKeever auf seinem Erfolgskurs als Autor in der Komödie „Nabelschnüre“ zusammengestellt hat. McKeever räumt auf mit alten, abgetragenen Klischees von Mutterschaft und entwirft in dieser Sammlung von Szenen neue überraschende Bilder von Müttern und ihren Kindern, skurril und berührend, witzig und klug. Nicht nur für Eltern, sondern auch für deren erwachsene Kinder geeignet. Und das sind wir ja letztendlich alle! 

DiQ: Herr Mohr, wir danken Ihnen für das Gespräch und wünschen viel Erfolg und ein volles Haus für die Premiere am 24. Februar! Fotos: Karina M. Bschorr Photographie

 

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