Leben im Delta
„Alles hat ein fast heiliges Gewicht“
Blumen für den schönsten Tag im Leben, aber auch für den schwersten: Pauline Javor kennt beide Seiten ihres Berufs. Die gelernte Floristin aus Limburgerhof hat sich auf Trauerfloristik spezialisiert und arbeitet freiberuflich im Delta und weit darüber hinaus. Im Interview mit „Delta im Quadrat“ spricht sie darüber, wie sie zu diesem besonderen Beruf gefunden hat, was Blumen in der Trauer bewirken können und warum ihr die Nähe zu den Menschen so wichtig ist.
Delta im Quadrat, Natascha Zahn: Du bist mit Blumen aufgewachsen, deine Mutter hat einen eigenen Laden. War die Floristik immer klar für dich?
Pauline Javor: Mein Weg in die Floristik war alles andere als geradlinig. Als Kind sah ich vor allem die harte Arbeit meiner Mutter, den Großmarkt im Morgengrauen, die schlaflosen Nächte vor Events. Ihre Leidenschaft verstand ich damals nicht. Meine Ausbildung bei ihr war zunächst reine Pragmatik, weil ich jung Mutter wurde. Auf der Suche nach kreativer Freiheit ging ich in die freie Kunst und landete schließlich im Büro. Das war ein Fehler: Die starre Arbeit am PC tat mir physisch und psychisch nicht gut. Ich brauchte Bewegung und echtes Handwerk. Zurück im Familienbetrieb stellte ich fest, dass sich die Floristik neu erfunden hat. Sie ist heute frei, bricht Regeln und feiert den Stilbruch. Genau diese kreative Freiheit habe ich immer gesucht. Eine lange Reise der Selbsterkenntnis, die sich gelohnt hat.
DiQ: Warum hast du dich für die Selbstständigkeit als Freelancerin entschieden statt für einen festen Laden oder eine Anstellung?
PJ: Seit einem Jahr pflege ich meine demente Schwiegermutter. Feste Ladenöffnungszeiten lassen sich damit nicht vereinbaren. Als reine Auftragsfloristin habe ich die perfekte Balance gefunden: Ich arbeite flexibel von zu Hause aus und teile mir meine Zeit genau so ein, wie das Leben und meine Familie es gerade verlangen. Das ermöglicht mir, ohne Druck genau die kreative Energie in meine Werkstücke zu stecken, die sie verdienen.
DiQ: Du machst Trauerfloristik und Floral Design für Feiern. Wie kam es dazu, dass du dich gerade auf den Bereich Trauer spezialisiert hast?
PJ: Ich bin neben dem Friedhof aufgewachsen. Der Tod war an unserem Küchentisch ganz normal. Meine erste Leiche sah ich mit sechs Jahren, als ich meine Mutter beim Ausschmücken eines Sargs in der Leichenhalle begleitete. Es war nicht erschreckend, sondern zutiefst friedvoll, auch wenn man sofort spürt, dass das Leben den Körper verlassen hat. Auch den Abschied von meinem Großvater durften wir zu Hause als Familie ganz nah und voller Würde begleiten. Erst später verstand ich, dass diese Vertrautheit in unserer Gesellschaft eine Ausnahme ist. Früher war der Tod Teil des Lebens und von festen Ritualen getragen, heute ist er ein Tabuthema. Dass ein so universelles Thema so isoliert wird, befremdet mich. Durch meine Trauerfloristik möchte ich eine Brücke schlagen: Ich bringe meine Nähe zu diesem Thema mit meinem künstlerischen Stil zusammen, um dem Abschied Würde und Raum zu geben.
DiQ: Wenn du ein Trauergesteck gestaltest, arbeitest du dann anders als sonst?
PJ: Ohne solides Handwerk und perfekte Technik geht in unserem Beruf nichts. Das ist das Fundament, egal ob bei einer Hochzeit oder einer Beisetzung: Man muss den Menschen dahinter erfassen. Was ich an der Trauerfloristik besonders schätze, ist die Tiefe. Hier geht es nicht darum, instagrammable zu sein. Alles hat ein anderes, fast heiliges Gewicht. Es ist eine intime Feier für einen individuellen Menschen und für Angehörige, die Raum zum Abschiednehmen brauchen. War der Verstorbene Waldhof-Fan, leidenschaftlicher Raver oder ein Naturmensch? Diese echten, ungeschminkten Lebensgeschichten in Blumen zu übersetzen, das ist es, was mich fasziniert.
DiQ: Was hat dir diese Arbeit über dich selbst beigebracht, was du vorher nicht wusstest?
PJ: Ich verstehe nun meine Wurzeln viel besser und ich bin spiritueller als gedacht. Das Leben ist leichter, wenn man damit einverstanden ist, dass es bald endet.