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Leben im Delta

Ein Pfandhaus mit sozialem Auftrag

Das einzige öffentlich-rechtliche Pfandhaus in ganz Deutschland ist das städtische Pfand- und Leihhaus in Mannheim. Wir haben mit Anton Meinzer gesprochen, der seit rund einem Jahr das Leihamt leitet.

Delta im Quadrat: Herr Meinzer, wie würden Sie Ihre bisherigen Erfahrungen im neuen Amt zusammenfassen und was treibt Sie persönlich an, diese traditionsreiche Institution in die Zukunft zu führen?

Anton Meinzer: Meine bisherigen Erfahrungen im neuen Amt sind sehr positiv. Nach 14 Jahren im Unternehmen ist es für mich etwas Besonderes, diese Verantwortung zu übernehmen. Besonders motiviert mich dabei, dass in unserem Haus der Gedanke von Hilfe und Fairness gegenüber den Menschen wirklich gelebt wird. Was mich dabei immer wieder bewegt, sind die Geschichten, die uns unsere Kundinnen und Kunden erzählen. Nicht selten hören wir von Ankaufssituationen, die woanders 30 bis 40 Prozent unter unserem Ankaufskurs liegen. Im Leihamt werden unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nach dem Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes bezahlt. Es gibt keine Boni und keine persönlichen Provisionen, denn solche Anreize würden letztlich immer vom Kunden finanziert werden. Unsere Beratung soll unabhängig, transparent und fair bleiben.

DiQ: Welche Veränderungen oder Entwicklungen möchten Sie seit Ihrem Amtsantritt besonders vorantreiben und was, glauben Sie, macht das Leihamt heute für die Menschen in Mannheim besonders relevant?

AM: Das Leihamt ist über 200 Jahre alt – und mein Anspruch ist es, es auch für die nächsten 200 Jahre gut aufzustellen. Deshalb treiben wir derzeit vor allem die Digitalisierung unserer Angebote voran. Ein konkreter Schritt wird sein, dass wir Ende 2026 auch den Goldankauf online anbieten. Perspektivisch sollen alle unsere Dienstleistungen – also Beleihung, Ankauf, Verkauf und auch Einlagerung – digital abgebildet werden können. Trotzdem soll das Leihamt weiterhin ein fester Ansprechpartner vor Ort in Mannheim bleiben. Ein weiteres Anliegen ist mir, mögliche Hemmschwellen abzubauen. Deshalb haben wir zum Beispiel im September 2025 erstmals an der „Nacht des offenen Denkmals“ teilgenommen und bieten auch Führungen durch das Haus an. Ich glaube, dass das Leihamt für viele Menschen relevanter ist, als sie zunächst denken.

DiQ: Das Leihamt hat tief verwurzelte soziale Wurzeln – von seiner Gründung im Jahr 1809 bis heute werden Überschüsse in den Sozialhaushalt der Stadt geführt. Wie sehen Sie den sozialen Auftrag des Pfandhauses?

AM: Der soziale Auftrag des Leihamts ist für mich bis heute der Kern unserer Arbeit. Zu uns kommen Menschen, die sich selbst helfen möchten. Genau dafür sind wir da: Wir bieten eine schnelle, unkomplizierte und transparente Möglichkeit, kurzfristig finanzielle Spielräume zu schaffen – ohne Bonitätsprüfung und ohne Schufa-Auskunft. Der Pfandkredit ist deshalb für viele eine sehr faire Lösung: Man erhält sofort Geld und hat gleichzeitig jederzeit die Möglichkeit, seinen Wertgegenstand wieder auszulösen. Dass mögliche Überschüsse des Leihamts weiterhin in den Sozialhaushalt der Stadt Mannheim fließen, zeigt zudem, dass unser Auftrag bis heute ein öffentlicher und sozialer ist. Unser Ziel ist nicht maximale Gewinnorientierung, sondern eine faire, verlässliche Unterstützung für die Menschen in der Stadt – schnell, transparent und ohne Stigmatisierung.

DiQ: Nachhaltigkeit ist ein immer wichtigeres Thema – auch in Wirtschafts- und Finanzbereichen. Inwiefern lässt sich Nachhaltigkeit im Kontext eines Pfandhauses denken?

AM: Insgesamt würde ich sagen: Nachhaltigkeit ist seit jeher Teil unseres Grundprinzips. Denn ein zentraler Bestandteil unserer Arbeit ist die Wiederverwendung von Wertgegenständen. Schmuck, Uhren oder Edelmetalle bleiben im Kreislauf und werden nicht einfach eingeschmolzen oder entsorgt. Das ist nicht nur wirtschaftlich sinnvoll, sondern auch ressourcenschonend, denn es müssen keine neuen Rohstoffe gefördert werden. Auch beim Goldankauf zeigt sich dieser nachhaltige Gedanke. Edelmetalle sind von Natur aus sehr gut recycelbar und bleiben über Generationen hinweg im Materialkreislauf erhalten.

DiQ: Viele Menschen haben ein ambivalentes Bild von Pfandhäusern. Wie möchten Sie mögliche Vorurteile gegenüber Pfandleihen abbauen?

AM: Mir ist bewusst, dass viele Menschen ein gemischtes Bild von Pfandhäusern haben. Unser öffentlicher Auftrag prägt unser tägliches Handeln. Transparenz, Vertrauen und Kundenorientierung sind für uns gelebte Prinzipien. Unsere Konditionen sind klar geregelt und für jeden nachvollziehbar. Beim Pfandkredit weiß jede Kundin und jeder Kunde von Anfang an, welchen Betrag sie erhalten und welche Kosten entstehen. Gleichzeitig bleibt der Gegenstand Eigentum des Kunden und kann jederzeit wieder ausgelöst werden. Sollte ein Pfand einmal versteigert werden, wird ein möglicher Überschuss selbstverständlich an den Kunden ausgezahlt. Das Leihamt behält dabei nur die Kosten für die Versteigerung sowie die vorher festgelegten Zinsen und Gebühren ein. Um Vorurteile abzubauen, setzen wir auf Offenheit. Mir ist es wichtig, dass die Menschen verstehen: Ein Pfandkredit im kommunalen Leihamt ist keine letzte Option. Und eine Zahl verdeutlicht, dass Pfandkredite bei uns als verantwortungsvoller und fairer Weg zur Überbrückung finanzieller Engpässe wahrgenommen werden: Im Jahr 2025 lag die Einlösequote auf das gesamte Volumen bei knapp 99 Prozent.


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