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Leben im Delta

Weniger Funktionieren, mehr Spüren

Unser Körper sendet ständig Signale, doch im hektischen Alltag werden sie oft überhört. Maria Tür verbindet Yoga mit somatischer Körperarbeit und lädt dazu ein, den eigenen Körper wieder bewusster von innen heraus wahrzunehmen. Im Gespräch mit „Delta im Quadrat“ erzählt sie, warum weniger Funktionieren und mehr Spüren guttun kann, wie kleine Pausen im Alltag wirken und was passiert, wenn der Körper wieder gehört wird.

Delta im Quadrat, Natascha Zahn: Viele Menschen fühlen sich im Alltag ständig unter Strom. Woran merkst du, dass der Körper eine Pause braucht – oft schon bevor wir selbst es wahrnehmen?

Maria Tür: Oft sendet der Körper schon sehr früh Signale, bevor wir überhaupt bemerken: Jetzt ist es zu viel. Das kann ganz subtil sein, wir atmen flacher, bestimmte Körperstellen werden fest oder halten Spannung, die Augen melden sich. Diese Signale übergehen wir häufig, wir funktionieren einfach weiter. Leider haben wir das schon ganz früh im Leben so gelernt. Dabei ist das, wie unser Körper spricht. Er redet jeden Tag sehr viel mit uns. Die Frage ist nur: Hören wir ihm zu?

DiQ: Du verbindest Yoga mit somatischer Körperarbeit. Was macht diesen Ansatz so besonders und warum kann er Menschen dabei helfen, wieder mehr bei sich selbst anzukommen?

MT: Das Besondere an Somatic Yoga ist, dass der Körper nicht von außen betrachtet wird – es ist nicht relevant, wie eine Haltung von außen aussieht oder ob eine Bewegung „richtig“ ausgeführt wird, sondern wir wollen den Körper von innen erfahren. Es geht um den spürenden Leib und das unmittelbare Erleben: Was nehme ich wahr in der Bewegung? Welche Muskeln, Sehnen, Bänder werden angesprochen? Wo wird es genussvoll? Die Somatik verbindet Bewegung, Wahrnehmung und Selbstorganisation. Wir lernen wieder, feiner wahrzunehmen, körperlich, emotional und auch in unserer Beziehung zur Umwelt. Und je besser ich mich selbst spüre, desto leichter kann ich erkennen, was ich brauche und wo meine Grenzen liegen. Genau darin liegt für mich das große Potenzial von Somatics: Es entsteht Raum, wieder mehr in Beziehung mit uns selbst zu kommen – weniger Funktionieren, mehr Spüren.

DiQ: Nach den Sommerferien kehren viele in ihren gewohnten Alltag zurück. Welche einfachen Übungen oder Rituale empfiehlst du, um gelassener in den Herbst zu starten?

MT: Ich würde gar nicht versuchen, möglichst viele neue Routinen in den Alltag einzubauen. Oft tut es viel mehr gut, zwischen all den To-dos Pausen zu schaffen. Echte Pausen. Kein Scrollen oder Fernsehen, sondern Spaziergänge ohne Handy oder kleine Momente der Besinnung, also Momente, in denen die Sinneswahrnehmung in den Vordergrund treten darf. Das kann das Spüren des Körpers in Bewegung sein. Das kann aber auch das Lauschen auf die Umgebung sein, während man am offenen Fenster eine Tasse Tee trinkt. Auch kleine Bewegungen im Alltag können helfen: den Kopf sanft bewegen, sich strecken, gähnen, schütteln. Eine meiner liebsten Übungen ist tatsächlich ganz einfach: Hinlegen, die Füße hochlagern und wahrnehmen, wie alles fließt.

DiQ: In deinen Kursen geht es nicht darum, perfekt zu funktionieren, sondern den eigenen Körper bewusst wahrzunehmen. Warum fällt uns das heute oft so schwer?

MT: Weil wir sehr früh lernen, uns nach außen zu orientieren. Wir lernen, was von uns erwartet wird und wie wir funktionieren sollen. Unser Körper wird dabei häufig zu etwas, das uns möglichst zuverlässig durch den Alltag bringen soll. Dabei ist unser Körper kein Projekt. Ich glaube, wir müssen die Fähigkeit des Spürens wieder ein Stück weit neu lernen. Und das braucht Zeit. Gerade deshalb ist es so wertvoll und wohltuend, Räume zu haben, in denen wir spüren dürfen und in denen wir nichts leisten müssen.

DiQ: Wenn jede Teilnehmerin und jeder Teilnehmer nach einer Stunde bei dir nur eine Erkenntnis mitnehmen würde – welche sollte das sein?

MT: Ich glaube, ich würde mir wünschen, dass sie oder er für einen Moment vergessen hat, wie der Körper aussehen, funktionieren oder sich anfühlen soll und stattdessen einfach gespürt hat. Vielleicht war es nur ein Atemzug, bei dem plötzlich mehr Raum entstand. Eine Bewegung, die sich überraschend gut angefühlt hat, ein Moment, in dem die Schultern losgelassen haben. Wenn sich jemand nach einer Stunde bei mir ein kleines bisschen mehr im Kontakt mit dem eigenen Körper fühlt, dann ist schon ganz viel passiert und mein Herz geht auf.

(Fotos © Susanne Häberle, Natascha Zahn)

 

 


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